James Farmelant und Mark Lindley haben in der Ausgabe No 32 (Okt 2009) von der Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg e.V. herausgegebenen Zeitschrift „Aufklärung und Kritik“ einen Artikel über Sechs prominente amerikanische Freidenker veröffentlicht, darunter Ayn Rand. Leider unterliegt der Artikel einigen, für eine akademische Publikation regelrecht peinlichen, Missverständnissen — wobei man sich grundsätzlich fragen darf, was der wissenschaftliche Status eines Aufsatzes ist, der aus Wikipedia zitiert (Vgl. Fußnote 37), und weshalb soetwas von einer sonst seriösen Zeitschrift publiziert wird. Jedenfalls sah ich mir genötigt, mit einem kurzen Leserbrief an den Herausgeber zu reagieren:
Sehr geehrter Herr Walther,
bitten fassen Sie diese eMail als einen Leserbrief zum Artikel „Sechs prominente amerikanische Freidenker“ von Farmelant & Lindley auf. Ich möchte an diesem Artikel Kritik üben, insbesondere an seiner Abhandlung Ayn Rands, und hier dem Motto der Zeitschrift getreu sozusagen für etwas Aufklärung sorgen.
Der Artikel ist leider in mehreren Punkten auf geradezu peinliche Weise inakkurat. Ich möchte nur einige besonders offensichtliche Punkte ansprechen, die eigentlich nicht passieren dürften, wenn man Rand tatsächlich gelesen hat.
1.) Bereits die Eingangscharakterisierung der Position Rands auf S. 42 ist falsch. Hier wird behauptet, Rand lehne zusammen mit dem Altruismus jegliche Formen sozialer Fürsorge als „nicht-menschlich“ (was immer das heißen soll — ich schätze, im Deutschen nennt man das eher „menschenfeindlich“) ab. Dem ist nicht so. Als Vertreterin einer tugendethischen Konzeption, die in der aristotelischen Traditionslinie steht, hat sie einen erweiterten Begriff des Egoismus, bei dem das Wohl anderer als ein zentraler Faktor für das eigene Gedeihen in die eigenen Interessen und das eigene Wohl inkorporiert ist. Weil Beziehungen zu anderen Menschen für mein eigenes Gedeihen gut, förderlich und notwendig sind — sowohl in materieller Hinsicht (z.B. Güteraustausch), als auch in psychologischer (z.B. Freundschaft, Liebe) — ist es moralisch gut und richtig, dass ich anderen, vor allem meinem konkreten Lebensumfeld nahestehenden Menschen gegenüber fürsorglich auftrete und auch in gewisser Hinsicht Verantwortung innerhalb der Gemeinschaft übernehme, nämlich insofern es gilt, das Zusammenleben auf eine für alle gedeihliche Weise zu organisieren. Und dies durchaus nicht in einer rein instrumentellen Weise, sondern aus Prinzipienüberlegungen (vgl. T. Smith: Ayn Rand’s Normative Ethics, Cambridge 2006, 287ff.). Überhaupt sagt ihre Verwendung des Egoismusbegriffs noch nichts über den konkreten Inhalt des Eigeninteresses aus. Sie stellt nur korrekterweise fest, dass diejenigen Verhaltensweisen und Tugenden, die dem Menschen im Rahmen einer normativen Beschreibung seiner Lebensform als gedeihlich zugeschrieben werden, sein Eigeninteresse konstituieren, und der Mensch dieses verfolgen soll, um seiner Natur gemäß als Mensch zu leben. Und wenn die menschliche Lebensform soziale Bindungen einschließt, so verlangt auch Rands Egoismus deren Pflege.
2.) Auf S. 59 behauptet der Autor, Rand leite die unabhängige Existenz der Außenwelt aus dem Identitätsgesetz ab. Auch dies ist Unsinn. Zwar behauptet Rand, dass es soetwas wie eine eine objektive, denkunabhängige Realität gibt, jedoch wird sie nicht aus dem Identitätsgesetz gefolgtert. Vielmehr betrachtet Rand den Satz „Existence exists“ als ein denknotwendiges Axiom, insofern als jeder Versuch seiner Negation es bereits implizit voraussetzt. Das Identitätsgesetz wiederum betrachtet sie als eines von mehreren Korrolaren des Existenzaxioms: zu sein, heißt, etwas Bestimmtes zu sein.
3.) Die Behauptungen auf S. 60, Rand hätte in ihrer Spätphilosophie verschiedene Formen von Religion unterschieden, die einen dabei gutgeheißen und die anderen Verworfen, ist falsch und basiert auf einem Missverständnis, vermutlich aufgrund oberflächlicher Lektüre. Für Rand bildet Glauben im Sinne eines Fürwahrhaltens ohne bzw. gegen jedwede Evidenz die Essenz _jedweder_ Religion, und sie kritisierte Religion daher aus verschiedenen Gründen als vernunft- und damit lebensfeindlich. In ihrer Funktion als Kommentatorin der zeitgenössischen amerikanischen Kultur stellte sie allerdings fest, dass Religion in den Vereinigten Staaten — und im Westen generell seit Renaissance und Aufklärung — sehr säkularisiert und im eigentlichen Sinne _unreligiös_ geworden sei. Es hat sich sozusagen eine Art „Kirche am Sonntag“-Haltung ausgebreitet, bei der der charakteristische erkenntnistheoretische Operationsmodus von Religion — das Glauben — in wenige, abgelegene Bereiche zurückgedrängt wurde, während das praktische, alltägliche Leben nun säkularisiert und tendenziell eher von Vernunftüberlegungen bestimmt ist. In diesem Sinne ist auch das angeführte Zitat zu verstehen, das materialistische Einstellungen bei „religiösen Lehrern“ konstatiert.
4.) Der mehrmalige Verweis auf Alan Greenspan als eine Art Exekutor Rand’scher Ideologie mit fatalen Folgen ist unverständlich. Zwar hat Greenspan in den 1960er und 70er Jahren zeitweise dem engeren Kreis um Rand angehört. Wenn man sich allerdings vor Augen führt, dass Rand staatliche Zentralbanken für moralisch korrupt erachtete und einen Goldstandard befürwortete, mag man jedoch in Zweifel ziehen, dass Greenspan in seiner Politik als Notenbankchef tatsächlich durch ihre Lehren geleitet wurde. Mir scheint hier eher der Versuch einer Diskreditierung durch „guilt by association“ vorzuliegen.
5.) Generell ist der offenkundig voreingenommene und stellenweise schneidend ironische Tonfall des Artikels einer wissenschaftlichen Publikation nicht angemessen. Die inhaltliche Charakterisierung der Romane Rands ist aufs Abenteuerlichste verzerrt und scheint eher tendenziösen Absichten zu folgen. Quellen und aktuelle Sekundärliteratur werden so gut wie nicht berücksichtigt. Die Übersetzung des Artikels ist stilistisch schlecht und inhaltlich teilweise fehlerhaft (vgl. die Vernunftdefinition auf S. 59).
Ich sehe es nicht ohne ein gewisses Bedauern, dass eine respektable Publikation wie Aufklärung & Kritik Arbeiten von solch niederer Qualität abdruckt. Ich würde es stark befürworten, dass, sollten Sie noch einmal erwägen, etwas über Ayn Rand zu veröffentlichen, auch einen Autor auswählen, der tatsächlich etwas von Rand versteht.
Mit freundlichen Grüßen